ALPHAWOMAN-Podcast mit Evelyne de Gruyter: Warum Unternehmerinnen mehr Sichtbarkeit und Macht brauchen
Frauen holen in der Wirtschaft auf, doch in den Spitzenpositionen sind sie weiterhin deutlich unterrepräsentiert. Im ALPHAWOMAN-Podcast spricht Moderatorin Sandra Pabst mit Evelyne de Gruyter, Geschäftsführerin des Verband Deutscher Unternehmerinnen (VDU), über strukturelle Hürden, politische Rahmenbedingungen und die Frage, wie weibliches Unternehmertum in Deutschland endlich gleichberechtigt sichtbar wird.
Frauen in Vorständen: Fortschritt mit viel Luft nach oben
In den Vorständen der 200 größten deutschen Unternehmen kommt auf eine Frau noch immer rund fünf Männer. Für Evelyne de Gruyter ist das kein Anlass für Resignation, aber ein klarer Handlungsauftrag. Zwar haben gesetzliche Regelungen wie die Führungspositionengesetze erste Verbesserungen gebracht, doch sie betreffen nur einen kleinen Teil börsennotierter Unternehmen.
Gerade im deutschen Mittelstand, dem Rückgrat der Wirtschaft, sind Frauen in Spitzenpositionen weiterhin stark unterrepräsentiert.
Warum gemischte Führungsteams erfolgreicher sind
Die Argumente für mehr Frauen an der Spitze sind nicht nur gesellschaftspolitisch, sondern auch wirtschaftlich klar belegt. Evelyne de Gruyter betont, dass gemischte Führungsteams nachweislich bessere Entscheidungen treffen und langfristig erfolgreicher wirtschaften.
Dabei geht es nicht um „Frauen gegen Männer“, sondern um Vielfalt: unterschiedliche Perspektiven, Erfahrungen, Ausbildungswege und internationale Hintergründe erhöhen die Qualität von Entscheidungen – auch wenn Abstimmungsprozesse komplexer werden.
Der Verband Deutscher Unternehmerinnen: 70 Jahre Einsatz für Sichtbarkeit
Der Verband Deutscher Unternehmerinnen wurde vor rund 70 Jahren gegründet, zu einer Zeit, als Frauen für viele berufliche Entscheidungen noch die Zustimmung ihres Ehemannes benötigten. Die Gründerinnen kämpften nicht um symbolische Anerkennung, sondern um reale Macht: Sitze in Aufsichtsräten, Zugang zu Netzwerken und wirtschaftlichen Einfluss.
Heute repräsentiert der Verband die gesamte Bandbreite der deutschen Wirtschaft: von der Solo-Unternehmerin über Mittelständlerinnen bis hin zu Konzernvertreterinnen branchenübergreifend und bundesweit.
Unternehmertum braucht ein neues Image
Evelyne de Gruyter setzt sich dafür ein, Unternehmertum in Deutschland positiver zu besetzen. Noch immer sei das Bild des Unternehmers häufig negativ geprägt, zum Beispiel in Filmen, Serien und gesellschaftlichen Narrativen. Dabei sichern Unternehmerinnen und Unternehmer einen Großteil der Arbeitsplätze und tragen enorme Verantwortung.
Ein stärkeres Vorbildverständnis, wie es etwa in den USA verbreitet ist, könne auch hierzulande Mut machen – insbesondere für Frauen.
Politik braucht mehr unternehmerische Erfahrung
Ein weiterer Punkt des Gesprächs: In Politik und Verwaltung fehlt es häufig an Menschen mit unternehmerischer Erfahrung. Evelyne de Gruyter plädiert für mehr Unternehmerinnen und Unternehmer in politischen Entscheidungspositionen, um wirtschaftliche Realität, Risiko und Verantwortung besser abzubilden.
Dabei gehe es auch um Repräsentanz: Politik sollte ein Spiegel der Gesellschaft sein inklusive Frauen und Selbstständigen.
Netzwerke, Mut und Sichtbarkeit
Ein zentrales Thema ist Netzwerken. Noch immer seien Männer in informellen Macht- und Entscheidungsnetzwerken oft besser verankert. Frauen hingegen zögerten häufiger, Sichtbarkeit einzufordern oder sich selbst vorzuschlagen.
Der Verband Deutscher Unternehmerinnen setzt hier gezielt an: Zugang zu Netzwerken schaffen, Frauen ermutigen, Panels zu besetzen, Kolleginnen sichtbar zu machen und Präsenz zu zeigen, auch auf Plattformen wie LinkedIn.
Unternehmerinnen zwischen Polykrise und Zuversicht
Trotz Bürokratie, hoher Energiekosten und globaler Unsicherheiten erlebt Evelyne de Gruyter unter Unternehmerinnen eine bemerkenswerte Zuversicht. Unternehmertum bedeute, Zukunft aktiv zu gestalten – auch in schwierigen Zeiten.
Themen wie Fachkräfteeinwanderung, Standortattraktivität, Demokratie und wirtschaftliche Resilienz stehen dabei ganz oben auf der Agenda.
Vereinbarkeit: Die große Baustelle für Unternehmerinnen
Ein zentrales politisches Anliegen des Verbands ist die Vereinbarkeit von Familie und Unternehmertum. Fehlende Kinderbetreuungsplätze, veraltete steuerliche Anreize und massive Regelungslücken, etwa beim Mutterschutz für Selbstständige, bremsen Frauen aus.
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Foto: Christian Behring
